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Von falsch gelesenen Kriminalitätsstatistiken

Dienstag, 22. März 2011 16:40

Im letzten Jahr ging die polizeilich registrierte Kriminalität in der Schweiz zurück. Dies teilt das Bundesamt für Statistik (BFS) am 21. März 2011 in der diesjährigen Medienmitteilung zur polizeilichen Kriminalstatistik mit. Unter dem Titel «Rückgang der polizeilich registrierten Kriminalität» heisst es dazu wörtlich:

Staatszugehörigkeit und Aufenthaltsstatus der Beschuldigten

«80 Prozent aller Beschuldigten wegen Straftaten gegen das StGB gehören zur ständigen Wohnbevölkerung der Schweiz. 4 Prozent kommen aus der Asylbevölkerung und 15 Prozent sind beschuldigte Ausländer, die sich ohne längerfristige Aufenthaltsregelung in der Schweiz aufhalten. Berücksichtigt man nur die Beschuldigten aus der ständigen Wohnbevölkerung, dann besitzen 63 Prozent der Beschuldigten im Bereich des Strafgesetzbuches die schweizerische Staatszugehörigkeit und 37 Prozent sind Ausländer.»

Klingt gut und ausgewogen, sagt sich der Leser der offiziellen Mitteilung des BFS. Aber irgendwie auch sehr eintönig, sagt sich der Journi. In einem so kurzen Abschnitt gleich vier mal (mit Titel sogar fünf mal) von «Beschuldigten» zu berichten zeugt nicht gerade von sprachlicher Kompetenz. Das geht auch eloquenter.

Im Teletext des Schweizer Fernsehen liest sich die Meldung dann so:

«80% der Beschuldigten leben in der Schweiz, davon waren 63% Schweizer und 37% Ausländer. 4% aller Taten wurden von der Asylbevölkerung verübt

Die NZZ leitet die offiziellen BFS-Zahlen unter der Überschrift «Zahlen zur Ausländerkriminalität» folgendermassen ein:

«Ein weiteres heisses Eisen in jeder Diskussion um Kriminalität stellt jeweils der Anteil der Ausländer an den Straftaten dar. Hier sehen die aktuellste Zahlen so aus: 80 Prozent aller Beschuldigten…»

Zugegeben. Es liest sich flüssiger, wenn man nicht dauernd über die «Beschuldigten» stolpert. Aber stimmt bei diesen beiden Beispielen auch die Aussage noch? Nein. Mit den Umschreibungen «4% aller Taten von Asylbevölkerung verübt» und «der Anteil der Ausländer an den Straftaten» wurde der Status der Beschuldigten in Täter geändert. Und damit haben wir es wieder mal Schwarz auf Weiss. Die Ausländer und die Asylbevölkerung sind Täter.

Wir sollten uns also nicht wundern, wenn der vorurteilsbelastete Leser bei dieser Umformulierung seine Vorurteile bestätigt glaubt. Und weiterhin mit dem neu bestätigten guten Gewissen munter drauflos poltert. Schliesslich steht es ja so in den Medien.

Ein Hinweis darauf findet sich bei 20 Minuten. Obwohl sich 20 Minuten unter «Kriminalität in der Schweiz sinkt» richtigerweise an die offizielle Formulierung hält, klingt es im Forum:

«Die meisten Gewalttäter stammen nicht aus der Schweiz oder haben Migrationshintergrund.»

Der abwechslungsreichen Formulierung sollte also nicht immer erste Priorität eingeräumt werden. Auch wenn es im geschulten Auge und Ohr schmerzen mag. Manchmal hat das BFS gute Gründe für eine langweilige aber richtige Wortwahl.

Deshalb eine Bitte an euch Freunde der schreibenden Zunft: Seid doch bitte etwas vorsichtiger bei der Interpretation und der Wortwahl. Nicht jeder Leser schaut neben den Zeitungsberichten auch noch die Dokumente wie die Medienmitteilung im Original (PDF) an.

Es gibt auch so schon genug böses Blut gegen alles, was nicht Schweizer ist.

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Thema: Gesellschaft, Schweiz | Kommentare (0) | Autor:

Arbeitsmarkt Februar 2011

Dienstag, 8. März 2011 23:57

Wie immer Anfang Monat hat das SECO heute die monatlichen aktuellen Arbeitslosenzahlen publiziert. Und wie kürzlich versprochen, wollen wir uns diese auch heute wieder ein bisschen näher anschauen. Zur Abwechslung anhand der Schlagzeilen zweier grösserer Schweizer Zeitungen.

Der Tagesanzeiger berichtet

Arbeitslosenquote erneut stark gesunken
Die Arbeitslosenquote in der Schweiz ist im Februar im Vergleich zum Vorjahresmonat um 17,2 Prozent auf 3,6 Prozent gesunken.

Die NZZ meint dazu

Lage am Arbeitsmarkt verbessert sich stark
Arbeitslosenquote in der Schweiz im Februar auf noch 3,6 Prozent gesunken.

Der positive Trend setzt sich also offenbar fort. Und diesmal sinkt die Arbeitslosenquote sogar um fantastische 17,2 Prozent auf nur noch 3,6 Prozent.

17,2 Prozent / 3,6 Prozent / 0,2 Prozent

Vielleicht sollten wir uns an dieser Stelle vor Augen führen, was es mit den verschiedenen genannten Prozentzahlen auf sich hat. Um dies zu veranschaulichen hat sich der Autor wieder mal die Zeit genommen, die offiziellen Zahlen der letzten zwei Jahre zusammenzutragen und daraus zwei aussagekräftige Grafiken zu erstellen.

Zunächst aber einige Worte zu den veröffentlichten Zahlen.

Ende Januar 2011 waren 148.784 Personen als Stellensuchend gemeldet. Einen Monat später waren es noch 143.325 Personen. Die Zahl der gemeldeten Arbeitslosen sank damit innerhalb eines Monats in absoluten Zahlen um 5.459 Personen.

Im Verhältnis zu der Zahl der Erwerbspersonen ausgedrückt lag die Arbeitslosenquote* Ende Januar 2011 bei 3,8%. Bis Ende Februar sank die Quote auf 3,6%. Die Anzahl der registrierten Arbeitslosen sank also binnen Monatsfrist um insgesamt 0,2 Prozentpunkte.

Diese 0,2 Prozentpunkte lassen sich natürlich auch anders darstellen. Auch ein bisschen beeindruckender, ohne dabei den Inhalt zu ändern. Zum Beispiel indem die Reduktion der Arbeitslosenzahlen im Februar 2011 relativ zu den Zahlen vom Januar 2011 angegeben wird. Also 5.459 (148.784 – 143.325) geteilt durch 148.784. Daraus ergibt sich ein schon ziemlich beachtlicher Rückgang der Arbeitslosenquote um 3,66 Prozent.

Aber auch diese 3,66 Prozent lassen sich noch übertreffen, wenn man die relative Reduktion der Arbeitslosenzahlen in einen anderen, etwas vorteilhafteren Zeitrahmen erfasst. Zum Beispiel vom Vorjahresmonat zu heute. Dies ist im aktuellen Fall besonders ergiebig, da die Arbeitslosenquote vor genau einem Jahr, im Februar 2010, fast auf ihrem höchsten Punkt stand.

Auf den Vorjahreswert bezogen ergibt die Differenz zwischen den Arbeitslosenzahlen von 172.999 (4,4%) beim Höchststand 2010 und von 143.325 (3,6%) heute eine beachtliche Zahl von 29.674. (Statt nur 5459 seit letztem Monat.) Auf diese Art bricht die Arbeitslosenquote geradezu um schlagzeilentaugliche 17,2 Prozent ein. Auch ohne Wirtschaftswunder.

Kein Trend in Sicht

Man wird als Leser solcher Zahlenwerte regelrecht dazu verführt, einen steil abfallenden Kurvenverlauf zu sehen. Allein: Das Bild ist, wie wir anhand von Grafik 1 sehen können, schlicht falsch.

Grafik 1: Offizielle Arbeitslosenzahlen von Januar 2009 bis Februar 2011. Die Arbeitslosenquote sinkt im Zeitraum von Februar 2010 bis 2011 um 17,2 Prozent.

Grafik 1 zeigt die offiziellen Arbeitslosenzahlen von Januar 2009 bis Februar 2011. Die Kurve steigt bis Januar 2010 kontinuierlich an und beginnt dann ähnlich flach wieder zu sinken. Dieses langsame absinken bis heute zeichnet die 17,2 Prozent nach. Also nix mit steilem Abfall der Kurve im letzten Monat.

Kommt dazu, dass die Differenz zum Vorjahresmonat nichts über den aktuellen Trend aussagt. Trotz einem Minus von fast 20 Prozent kann die Arbeitslosenquote mehr oder weniger konstant bleiben oder sogar ansteigen. Sehen wir uns dazu Grafik 2 an, bei der die Werte zwischen März 2010 und Januar 2011 durch fiktive – aber mögliche – Zahlen ersetzt wurden.

Grafik 2: Offizielle Arbeitslosenzahlen von Januar 2009 Februar 2011. Allerdings mit einem fiktiven Rückgang bis im November 2010. Trotz steilem Anstieg der Arbeitslosenzahlen sinkt auch hier die Quote im Vergleich zum Vorjahresmonat um 17,2 Prozent.

Nehmen wir an, die Arbeitslosigkeit bewegte sich nach dem (tatsächlichen) Höchststand im Jan/Feb 2010 bis beispielsweise November 2010 auf ein historisches Tief von 0,6 Prozent und stieg danach explosionsartig wieder auf die aktuellen (realen) 3,6% an. Dies würde eine Verschlechterung der Situation um Faktor sechs in einem Vierteljahr bedeuten. Und trotzdem könnte man heute mit gutem Gewissen von einem Rückgang zum Vorjahresmonat um 17,2 % sprechen.

Welche Bedeutung haben nun also all diese veröffentlichten Prozentangaben für das Verständnis der aktuellen Lage? Und vor allem, was können uns die inzwischen lieb gewonnenen 17,2% noch sagen? Ohne Kontext eigentlich nur zwei Dinge.

  1. Lass dir kein X für ein U vormachen.
  2. Sei auf der Hxt.

Eines sei zum Schluss trotzdem noch gesagt. Wie es aussieht erholt sich die Lage im Moment tatsächlich ein bisschen.

* Die Arbeitslosenquote errechnet man, indem die Zahl der registrierten Arbeitslosen am Stichtag durch die Zahl der Erwerbspersonen (gemäss Eidgenössischer Volkszählung seit 1. Januar 2000: 3,946,988 Personen) geteilt wird.

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Thema: Arbeitsmarkt, Gesellschaft, Politik, Schweiz | Kommentare (0) | Autor: