Tag-Archiv für » Kriminalität «

Eine Frage an Toni Brunner

Samstag, 10. Dezember 2011 15:33

Lieber Toni Brunner.

Die Schweizer Bevölkerung hat Ihren Ruf zur Kenntnis genommen: Der SVP stehe am 14. Dezember 2011 ein zweiter Bundesratssitz zu.

Ohne diesen Anspruch grundsätzlich zu bestreiten, fehlen dem einen oder anderen Nicht-SVP-Wähler – neben den rein rechnerischen Argumenten wie Konkordanz, stärkste Partei, Volkswille etc. – doch einige inhaltliche Gründe.

Deshalb sei an dieser Stelle aus ehrlichem Interesse danach gefragt:

Welche Verbesserungen im alltäglichen Leben darf der Bürger als Privatperson von einem weiteren SVP-Bundesrat erwarten?

Schön wäre eine PR freie Antwort in Ihren eigenen Worten, in der auf die folgenden, hinlänglich bekannten Begriffsgruppen inklusive Synonymen verzichtet wird.

  1. Zauberformel / 2-2-2-1 / Konkordanz / Stärkste Partei / Volkswillen
  2. Ausländer / Asylsuchende / Kriminalität / Einwanderung
  3. Heimat / Eidgenossenschaft / EU / Europa

Diese Frage wurde Toni Brunner am 10.12.2011 via Mail gestellt. Eine mögliche Antwort wird sofort nach Erhalt an dieser Stelle publiziert.

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Thema: Eine Frage an..., Fragen, Politik, Schweiz | Kommentare (0) | Autor:

Von falsch gelesenen Kriminalitätsstatistiken

Dienstag, 22. März 2011 16:40

Im letzten Jahr ging die polizeilich registrierte Kriminalität in der Schweiz zurück. Dies teilt das Bundesamt für Statistik (BFS) am 21. März 2011 in der diesjährigen Medienmitteilung zur polizeilichen Kriminalstatistik mit. Unter dem Titel «Rückgang der polizeilich registrierten Kriminalität» heisst es dazu wörtlich:

Staatszugehörigkeit und Aufenthaltsstatus der Beschuldigten

«80 Prozent aller Beschuldigten wegen Straftaten gegen das StGB gehören zur ständigen Wohnbevölkerung der Schweiz. 4 Prozent kommen aus der Asylbevölkerung und 15 Prozent sind beschuldigte Ausländer, die sich ohne längerfristige Aufenthaltsregelung in der Schweiz aufhalten. Berücksichtigt man nur die Beschuldigten aus der ständigen Wohnbevölkerung, dann besitzen 63 Prozent der Beschuldigten im Bereich des Strafgesetzbuches die schweizerische Staatszugehörigkeit und 37 Prozent sind Ausländer.»

Klingt gut und ausgewogen, sagt sich der Leser der offiziellen Mitteilung des BFS. Aber irgendwie auch sehr eintönig, sagt sich der Journi. In einem so kurzen Abschnitt gleich vier mal (mit Titel sogar fünf mal) von «Beschuldigten» zu berichten zeugt nicht gerade von sprachlicher Kompetenz. Das geht auch eloquenter.

Im Teletext des Schweizer Fernsehen liest sich die Meldung dann so:

«80% der Beschuldigten leben in der Schweiz, davon waren 63% Schweizer und 37% Ausländer. 4% aller Taten wurden von der Asylbevölkerung verübt

Die NZZ leitet die offiziellen BFS-Zahlen unter der Überschrift «Zahlen zur Ausländerkriminalität» folgendermassen ein:

«Ein weiteres heisses Eisen in jeder Diskussion um Kriminalität stellt jeweils der Anteil der Ausländer an den Straftaten dar. Hier sehen die aktuellste Zahlen so aus: 80 Prozent aller Beschuldigten…»

Zugegeben. Es liest sich flüssiger, wenn man nicht dauernd über die «Beschuldigten» stolpert. Aber stimmt bei diesen beiden Beispielen auch die Aussage noch? Nein. Mit den Umschreibungen «4% aller Taten von Asylbevölkerung verübt» und «der Anteil der Ausländer an den Straftaten» wurde der Status der Beschuldigten in Täter geändert. Und damit haben wir es wieder mal Schwarz auf Weiss. Die Ausländer und die Asylbevölkerung sind Täter.

Wir sollten uns also nicht wundern, wenn der vorurteilsbelastete Leser bei dieser Umformulierung seine Vorurteile bestätigt glaubt. Und weiterhin mit dem neu bestätigten guten Gewissen munter drauflos poltert. Schliesslich steht es ja so in den Medien.

Ein Hinweis darauf findet sich bei 20 Minuten. Obwohl sich 20 Minuten unter «Kriminalität in der Schweiz sinkt» richtigerweise an die offizielle Formulierung hält, klingt es im Forum:

«Die meisten Gewalttäter stammen nicht aus der Schweiz oder haben Migrationshintergrund.»

Der abwechslungsreichen Formulierung sollte also nicht immer erste Priorität eingeräumt werden. Auch wenn es im geschulten Auge und Ohr schmerzen mag. Manchmal hat das BFS gute Gründe für eine langweilige aber richtige Wortwahl.

Deshalb eine Bitte an euch Freunde der schreibenden Zunft: Seid doch bitte etwas vorsichtiger bei der Interpretation und der Wortwahl. Nicht jeder Leser schaut neben den Zeitungsberichten auch noch die Dokumente wie die Medienmitteilung im Original (PDF) an.

Es gibt auch so schon genug böses Blut gegen alles, was nicht Schweizer ist.

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Thema: Gesellschaft, Schweiz | Kommentare (0) | Autor:

Mehr Flüchtlinge – Mehr Gewalt

Donnerstag, 3. März 2011 16:52

Am 2.3.2011 orakelt der Online-Tagesanzeiger in fetter Überschrift:

Decken Sie sich also sicherheitshalber umgehend mit Notvorrat für mehrere Jahre ein, verstecken Sie Ihr Geld unter der Matratze, holen Sie die Kinder rein und verrammeln Sie sämtliche Fenster und Türen.

Kausalität scheint schneller als man denkt

Bevor Sie jedoch die Selbstschussanlage in Betrieb nehmen, wollen wir gemeinsam kurz den erklärenden Text unter der Schlagzeile untersuchen und uns ein eigenes Urteil statt eines möglichen Vorurteils bilden. Sicher ist sicher. Vielleicht ist es ja doch nicht ganz so schlimm. Hören wir genau hin:

«Laut Killias [Professor für Strafrecht und Kriminologie an der Universität Zürich] hat Zürich eine ähnliche Erfahrung Ende der 90er-Jahre gemacht, als Tausende von Flüchtlingen aus dem ehemaligen Jugoslawien in die Schweiz kamen. Damals stiegen vor allem die Gewaltdelikte an. Zeigen lässt sich das an der Gewaltstudie der Suva, der Schweizerischen Unfallversicherungsanstalt. Zwischen 1997 und 2005 verdreifachten sich <Unfälle> durch Gewalteinwirkung wie Rauferei, Streit, Überfall und kriminelle Handlungen bei jungen Männern.»

Wir kombinieren Haarscharf:

Mehr Flüchtlinge => Mehr Gewaltdelikte

Spätestens jetzt – nachdem wir die offensichtlichste kausale Verknüpfung gemeinsam hergestellt haben – rennt der mehrheitskompatible Leser auf schnellstem Holzweg zu seiner Hochsicherheitswohnung. Er hat es geahnt. Wenn nicht gar gewusst.

Klingt ja auch alles ganz plausibel und wird offenbar von einem Professor bestätigt. Aber werden hier tatsächlich Ursache und Wirkung abgebildet?

Nein. Zumindest nicht unbedingt. Die Aussagen «…stiegen vor allem die Gewaltdelikte…» und «…verdreifachten sich <Unfälle> durch Gewalteinwirkung…» benennen keine konkrete Täterschaft und lassen keinen zwingenden Schluss wie den oben gezogenen zu. Alles was man aus diesem Abschnitt ableiten kann – sofern die herangezogenen Statistiken stimmen – lautet: In den 90er-Jahren gab es mehr kriminelle Handlungen UND es kamen mehr Flüchtlinge. Das kann, muss aber keinesfalls bedeuten: In den 90er-Jahren gab es mehr kriminelle Handlungen WEIL mehr Flüchtlinge kamen.

Niemand würde ähnlich schnelle Rückschlüsse ziehen, wenn in einer anderen (hypothetischen) Statistik stünde, dass sich in den 90er-Jahren (parallel zu mehr Flüchtlingen) beispielsweise der Umsatz der Schweizer Juweliere verdoppelt hat. Oder die Gletscher in dieser Zeit überdurchschnittlich stark schmolzen.

Drum prüfe, wer was komisch findet

Ohne Angabe der genauen statistischen Quellen* ist es für den Leser unmöglich, sich ein unvoreingenommenes Urteil zu bilden. Trotzdem haben wir schon nach einem kurzen Blick auf den Text eine vermeintlich durch Fakten untermauerte Einsicht gewonnen. «Flüchtling» und «Kriminalität» scheinen einfach zu verlockend logisch zusammen zu hängen.

Die Meinung ist gemacht und schon wird fleissig mit möglicherweise verzerrten bis falschen Fakten Argumentiert, bis die Verknüpfung sich auch im letzten Kopf festgesetzt hat. Die Konsequenz für die Flüchtlinge aus Nordafrika kann man ausformuliert im oben verlinkten Forum des Tagi-Beitrages nachlesen: Nordafrika > Ausländer > junge Männer > alles Betrüger > Gewalt > Schweiz > Grenzen dicht > ist nicht mein Problem.

Genau deshalb sollten wir bei behaupteten oder angedeuteten kausalen Zusammenhängen immer besonders genau hinschauen und die Aussagen auf ihre Plausibilität prüfen. Meist ergibt sich beim zweiten Blick ein anderes Bild, als das zunächst offensichtlich scheinende.

Bringen Sie also die Kinder wieder raus und sehen Sie der möglichen Ankunft von Flüchtlingen gelassen entgegen.

Nicht alle Verzerrungen und Verwischungen sind so offensichtlich, wie in diesem Beispiel. Manche scheinen auch nach dem zweiten Blick noch logisch. Falls Sie sich für die vielfältigen Möglichkeiten der Manipulation interessieren, mein Buchtipp für einen unterhaltsamen Einstieg in die Welt der Statistik:

«Lügen mit Zahlen – Wie wir mit Statistiken manipuliert werden»
Gerd Bosbach und Jens Jürgen Korff
ISBN: 978-3-453-17391-0

* Die genauen Statistiken wurden trotz zweifacher Nachfrage im Tagesanzeiger-Forum nicht genannt. Die Frage wurde Ignoriert und im Forum nicht publiziert.

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Thema: Buchtipps, Fragen, Schweiz | Kommentare (2) | Autor: