Die jährlich wiederkehrende Höflichkeitsfalle

Kaum fliegen die Pollen, schnuddert es wieder genüsslich bis verklemmt von überall her «HATSCHI». Und beinahe gleichzeitig ruft es freundlich bis mitleidig «Gesundheit», «GESUNDHEIT» oder «Gesundheit». Es ist die Zeit der Pein. Meiner Pein.

Wissen schützt vor Schelte nicht

Nicht, dass ich unter Heuschnupfen leiden würde. Aber ich weiss etwas, was du nicht weisst. Und deshalb werde ich in der Heuschnupfenzeit angepöbelt und ausgegrenzt. Unterschwellig bis eindeutig. Dies, obwohl ich überhaupt nichts mache oder sage. Schlimmer noch: Genau deshalb, weil ich nichts sage. Einzig, weil ich höflich bin.

Sobald es irgendwo niest, ziehe ich den Kopf ein, halte so lange wie möglich die Luft an, schweige eisern und versuche, den Nieser elegant zu übergehen. Selbst wenn man mich von direkt gegenüber anniest. Ich ignoriere. Stoisch. Peinlich berührt. Und in leidiger Erwartung der Reaktionen der über mein dreistes Schweigen ebenso peinlich berührten «Gesundheit», «GESUNDHEIT» oder «Gesundheit» rufenden Umwelt.

Man spürt es beinahe körperlich: «Keine Kinderstube der Herr, was?» Tuschel, tuschel. «Sollte wohl mal mit der pollenresistenten Nase im Knigge stöbern.» Was der Unhöfliche natürlich längst tat. Und was unter anderem der Grund für das sture Schweigen ist. Denn wie sagt Knigge zum Guten Benehmen in Sachen Niesen ganz richtig?

«Muss man selbst, oder aber eine andere Person in einem Raum niesen, ignoriert man dies als einen unerheblichen Zwischenfall. Dieser sollte nicht durch ein schallendes <Gesundheit!> zu einem Drama gesundheitlichen Verfalls verfremdet werden.»

Eben. Und nichts neues übrigens. So heisst es schon seit Jahren. Nützt aber natürlich nichts, wenn die naserümpfende Umwelt nichts davon weiss und wissen will. Will sagen, diese auch noch darauf hinzuweisen, sollte man tunlichst unterlassen. «Auch noch frech werden, der Herr Besserwisser?»

Was also tun? Entweder wie ein richtiger Mann weiter schweigen und dadurch indirekt sein nicht gesellschaftskonformes Benehmen öffentlich eingestehen. Oder aber – mein Favorit – in die Offensive gehen und beim Niesenden auch noch seine Rechte einfordern. Wieder Knigge:

«Ein kurzes <Entschuldigung> ist durchaus angebracht, denn nicht selten zuckt der Eine oder Andere durch das laute <Hatschi> erschrocken zusammen.»

Also dann.

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Datum: Montag, 30. Mai 2011 15:24
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