Kein Ausweg in Afghanistan

Nach neun intensiven Kriegsjahren ist man in Afghanistan von Frieden, Sicherheit und Demokratie weiter entfernt denn je. Die vollmundigen Siegesversprechungen aus Politik und Armeeführung haben sich nicht erfüllt und werden deutlich seltener ausgespochen.

Beinahe möchte man sich freuen, dass in der Politik ein Umdenken stattgefunden hat und die Verantwortlichen nun endlich auf die seit Jahren warnenden Stimmen hören. Doch das Gegenteil scheint der Fall.

Gleicher Krieg, neue Argumente

Nachdem sich die katastrophale Fehleinschätzung, die zu diesem «kurzen Friedenseinsatz» führte, nicht mehr schönreden lässt, wird einfach die Argumentation angepasst. Statt nur die viel beschworene Sicherheit am Hindukusch zu verteidigen oder den Terror ausserhalb der eigenen Grenzen zu bekämpfen, muss man nun auch noch die Ehre der Gefallenen schützen.

«Auch wenn die Kosten des Krieges den Nutzen möglicherweise niemals aufwiegen werden, müssen wir ihn dennoch weiterführen. Sonst wären unsere Kinder, Ehepartner, Geschwister vergebens gestorben», klingt es nun sinngemäss.

Doch diese hochemotionale Argumentation ist zutiefst zynisch. Sie instrumentalisiert nicht nur die trauernden Hinterbliebenen für die Fortsetzung eines längst verlorenen Kriegs, sondern verlangt im Namen der Gefallenen auch weiterhin sinnlose Opfer wertvoller Menschenleben.

Unterschätzte Eskalations-Spiralen

Schon vor Kriegseintritt wurden die kritischen Stimmen einfach ignoriert. Jetzt, da sich die ausweglose Situation in Afghanistan deutlich abzeichnet und unzählige Tote später, sollte man erwarten, dass man sich der Meinung aussen stehender öffnet und gemeinsam nach Alternativen zu der untauglichen Strategie sucht. Doch die Politik ist nach wie vor nicht willens, auf die Argumente der Kriegsgegner zu hören.

Wie kommt es, dass rationale Menschen sich mit irrationalen Entscheidungen so sehr in ausweglose Situationen manövrieren, dass sie trotz besseren Wissens nicht mehr von ihrem einmal eingeschlagenen Weg abweichen können? Die Antwort darauf gab Allan I. Teger seinen Studenten der Psychologie an der University of Pennsylvania schon im Jahr 1970.

Als während des Vietnamkriegs die gleichen Argumente vorgebracht wurden, suchte er nach einem anschaulichen Beispiel für mögliche Eskalations-Mechanismen und demonstrierte dieses seinen Studenten anhand eines Experimentes.

Jeder seiner Studenten konnte auf einen Dollarschein bieten. Der höchstbietende würde den Dollar erhalten. Allerdings gab es eine Zusatzregel, deren fatale Auswirkung die Teilnehmer meist erst zu spät erkannten: Auch das zweithöchste Gebot musste bezahlt werden, ohne jedoch etwas dafür zu erhalten.

Die Studenten boten zunächst alle fleissig mit. 10 Cent zu Beginn, dann 20, 30, 40, 50, 60 Cent. Bei 70 Cent bemerkten viele die Gefahr der Zusatzregel und stiegen aus. Die beiden höchstbietenden aber befanden sich mitten in einer ausweglosen Situation.

Das höchste Gebot von 90 Cent versprach zwar immer noch ein gutes Geschäft. Für den Bieter mit dem zweithöchsten Gebot hätte dies allerdings 80 Cent Verlust bedeutet. Deshalb bot er einen Dollar. So würde er zwar nichts gewinnen, aber er hätte auch keinen Verlust. Für den anderen Bieter hätte dies wiederum den Verlust von 90 Cent bedeutet. Bei einem Gebot von 1,10 Dollar würde er – falls der andere nicht mehr mitbieten sollte – einen Dollar erhalten. Er würde nur 10 statt 90 Cent verlieren. Also bot auch er weiter.

Die beiden befanden sich in einer Zwickmühle, der sie ohne Verlust nicht mehr entkommen konnten. Und jedes weitere Gebot verschlimmerte die Situation. Was am Anfang nach einer einfachen, ungefährlichen Gewinnmöglichkeit aussah, endete im verzweifelten Versuch, nur noch irgendwie als «Gewinner» aus der Sache herauszukommen. Egal wie hoch der Verlust zum Ende auch sein mochte.

Gleicher Krieg, keine Argumente

Dieses Beispiel zeigt, wie schnell eine unterschätzte Situation eskalieren kann, wenn man erst einmal mittendrin steckt. Die Studenten boten zum Teil bis zu 20 Dollar, um am Ende nicht als Verlierer dazustehen.

Im gleichen Dillemma stecken heute die Verantwortlichen für den Krieg in Afghanistan. Sie glauben, für einen Abzug schon zu viele Leben geopfert zu haben. Und so hoffen sie auf ein Wunder, das die vielen Toten doch noch irgendwie rechtfertigen könnte, wenn sie nur lange genug im Feindesland bleiben.

Doch das Verhältnis der möglichen Kosten (Menschenleben) zu einem möglichen Nutzen (Frieden) verschlechtert sich ab Eintritt in einen nicht zu gewinnenden Krieg mit jedem Tag. Das ändert sich auch nicht, wenn man einfach noch einige Jahre lang weitere Menschen in die Schlacht wirft. Im Gegenteil. Die einzige Möglichkeit, den erlittenen Verlust nicht noch zu vergrössern, ist der sofortige Abzug.

Aus diesem einfachen Grund darf und kann das vorgebrachte Argument – trotz allem Verständnis für die Hinterbliebenen – keine Kriegsverlängerung rechtfertigen. Ein Umdenken ist dringend nötig.

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Datum: Sonntag, 1. August 2010 11:11
Trackback: Trackback-URL Themengebiet: Gesellschaft, Mensch, Politik

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